Masuren

Dann heisst es wieder packen. Von hier aus geht es weiter in die Masuren. In Gruppen zu zweit und zu dritt verlassen wir Warschau. Aber bei den Straßenverhältnissen geht es nur langsam voran und irgendwann unterwegs sind wir mit 7 Gespannen hintereinander und kommen so in den Masuren an.

Die letzten 7 km – Zufahrt zum Campingplatz in Kamien – sind eine wahre Herausforderung für Mensch und Material. Auf sandigen Waldwegen mit doch nicht ganz kleinen Schlaglöchern schaffen wir es schliesslich zum Erstaunen mancher Passanten, ohne Schäden auf dem Platz anzukommen. Auf dem einer Kuhwiese gleichenden Platz hat Helmut Bott mit seinem Wohnmobil wenig Chancen zum Rangieren. Aber Dank eines Traktors, dem dann auch noch die Kette reisst, ist auch das Problem bald gelöst.

Der Campingplatz ist o.k. und die Verwaltung erweist sich als äusserst freundlich und entgegenkommend. So steht auch hier einem weiteren schönen und harmonischem Urlaub nichts mehr im Wege.

Wir liegen direkt an einem der vielen Seen. Bei dem herrlichen Wetter wird das natürlich richtig genutzt. Vor allem die Kinder tummeln sich im Wasser und auf Schlauch- oder Kanubooten. Aber auch wir Erwachsenen nutzen die Gelegenheiten, die das nahe Wasser uns bietet. So brechen wir an einem Morgen fast mit der kompletten Mannschaft zu einer Paddeltour auf. Wir werden zum Ausgangspunkt gebracht, wo die Boote auf uns warten. In Booten zu je 2 Personen geht es über die Krutyna. Die Krutyna-Route gilt als die schönste Paddeltour Europas. Die Stille und die Landschaft ist überwältigend. Uns begleiten Störche, dunkelblaue Libellen und die Geräusche der Natur. Das Wasser des Flusses ist so klar, dass man die Kiesel auf dem Grund zählen kann. Hinter jeder Flussbiegung eine neue Landschaft, durch weite Wiesenräume, vorbei an verschlafenen Dörfern und weiter durch urwaldgleiche grüne Tunnel. Nach 13 km in Ukta legen wir an um eine Erfrischungspause einzulegen. Hier steigen die ersten aus und werden vom Platz abgeholt. Nach 20 km steigen die nächsten aus – der Rest fährt dann noch die restlichen 11 km bis zum Campingplatz – wo sie nach der Leistung gebührend empfangen werden. Es war ein einmaliges Erlebnis.

Aber auch hier in den Masuren kommt die Kultur nicht zu kurz. Ein Besuch in Mikolajki/Nikoleiken, das masurische Venedig genannt, mit den Rädern, mit dem Auto oder auch per Schiff gehört für alle zum Programm. Hier blüht der Tourismus. Nikoleiken könnte im Sommer genausogut am Gardasee liegen, so südländisch wirkt das Flair des Ortes mit den vielen Stegen und Brücken. Der Ortskern rund um den Marktplatz ist attraktiv hergerichtet.

Eine andere Tour geht nach Olsztyn/Allenstein. Hier besuchen wir zunächst ein Freilichtmuseum – wo wir viel von dem Leben der Menschen in dieser Region erfahren.

Nun zu Allenstein. Die Stadt ist die bis heute einzige ehemals ostpreussische Stadt, die wirklich Wachstum aufweist. Sie wurde erstmals 1348 urkundlich erwähnt. Im Januar 1945 wurde sie fast unzerstört von der Roten Armee übernommen. Erst im März des Jahres wurde die Stadt von ausser Kontrolle geratenen Rotarmisten in Brand gesetzt. Im Mai 1945 übernahm dann die polnische Verwaltung die zu 40% zerstörte Stadt von der Roten Armee.

Als echte Überraschung erweist sich die fast fertig restaurierte Altstadt, ein mittelalterliches

Ensemble mit Gassen und einigen Sehenswürdigkeiten. Unter anderem sehen wir uns die Jakobi-Kirche an, die durch ihren wuchtigen Turm schon von weitem sichtbar ist. Seit 1945 ist sie Sitz des ermländischen Bischofs, seit 1992 sogar Erzbischofssitz. Bekanntester Olsztyner Bischof war von 1979-81 Josef Glemb, der heutige Primas von Polen. Der Rundgang durch die Stadt führt uns auch am Schloss vorbei. Auch hier stellen wir wieder fest, dass man sich in Polen sehr bemüht, alle Altstädte historischgetreu wieder herzurichten.

Eine weitere Anlaufstation ist die Wolfsschanze, das ehemalige Führerhauptquartier Adolf Hitlers. Eine Fläche von 25 ha umfasst dieses zu meterdickem Beton gewordenen Mahnmal deutschen Wahns. Über 3000 Arbeiter – darunter polnische Zwangsarbeiter – bauten hier ab 1940 das grösste Führerhauptquartier Hitlers mit 120 Einzelgebäuden. Fertig war die Bunkersiedlung immer noch nicht, als sie am 24. Januar 1945 durch die abziehende Wehrmacht gesprengt wurde.

Seit 1992 erinnert am Ort der ehemaligen Lagerbaracke (Ort des Attentatsversuch von Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf Adolf Hitler) ein Gedenkstein an den Aufstand der Offiziere. Wir sehen riesige Tonnen schwerer Betonklötze, die nach den Sprengungen in den bizarrsten Stellungen übereinander gehäuft sind. Bei der Besichtigung bleibt ein merkwürdiges Gefühl für uns, die wir ja die Zeit des 3. Reiches nicht miterlebt haben.

Die Besichtigung der Swieta Lipka/Heilige Linde steht hierzu natürlich im krassen Gegensatz. Die Wallfahrtskirche, die von 1681-1730 gebaut wurde, erstrahlt von aussen im zierlichen üppigen Barock. Der Innenraum hat eine atemberaubend reiche Ausstattung, die noch übertroffen wird von der Orgel mit einer Vielfalt von Verzierungen und berühmten beweglichen Figuren. Wir hören uns eine der halbstündlich stattfindenden Orgeldemonstrationen an und sind vom Klang der Orgel begeistert. Die Kirche ist brechend voll und das Ganze ist natürlich auch ein riesiges Touristenspektakel.

Ansonsten vertreiben wir uns die Zeit mit kleineren und grösseren Radtouren in die Umgebung, wobei das Radfahren bei den Strassen- und Wegbeschaffenheiten auch schon mal in Anstrengung ausarten kann .

Die Abende sind bei dem herrlichen Wetter sehr gem ütlichund lustig. Es ist warm und wir können lange draussen sitzen – ausser Mücken und Schnaken stört uns eigentlich nichts. Auch für Abwechslung ist gesorgt. Einmal wird Eierlikör selbst gemacht, damit wir auch mal eine Alternative zum Wodka haben. Mehrere gemeinsame Abendessen  werden zubereitet: einmal werden für alle Waldbeerkuchen gebacken, was fast zur Orgie ausartet; der 50. Geb. von Irek's Schwester, die mit Familie ebenfalls auf dem Campingplatz Urlaub macht, wird mit gemeinsamem Grillen gebührend gefeiert; ebenfalls der Geburtstag von Benjamin Stomps, der 17 wurde, veranlasst uns zu einer kleinen Feier; Dana und Irek überraschen uns mit einem typisch polnischen Essen – Rote Beete-Suppe und Bigosch- ebenfalls ein Highlight und richtig lecker; aber auch ein chinesisches Essen fehlt nicht, der Bruder von Theresia B., der uns ebenfalls mit seiner Frau besucht, bereitet in zwei grossen Woks Leckereien nach chinesischem Rezept.

Wie sich das für Mitglieder des Laudate-Chors gehört, denn die waren ja gut vertreten, kommt auch der Gesang nicht zu kurz. Wenn auch kein Lagerfeuer vorhanden war, hinderte es uns nicht daran, abends bei Kerzenschein kräftig Lieder zu schmettern. Begleitet wurden wir dabei von Ute´s Gitarrenspiel und Helmut`s Spiel auf der Ukulele.

 

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